Holz
Fällt man einen Baum, ist er tot, so sagt man.
Außer, er hat noch irgendwo ein kleines Stück Leben, im Wurzelwerk etwa, dann treibt er wieder auf ungewöhnliche Art mit Kraft und unbeugsamen Lebenswillen.
Das Stück Holz von diesem Baum ist natürlich auch tot. Das sagt man so aber nicht, weil man es fast nur als Stück Material betrachtet, welches zu nutzen gilt.
Außer, es handelt sich etwa um einen z.B. Weidenzweig. Steckt man den irgendwo in den Boden und überläßt ihn sich selbst, wächst daraus wieder ein Baum. Oder es entsteht ein Kunstwerk. Wobei ein Baum an sich ja auch ein Kunstwerk ist, das Kunstwerk Gottes.
Den Unterschied zwischen einem Stück Holz und einem Stück Metall oder Plastik kann man leicht erkennen. Ich habe in früheren Teilen meiner kleinen Warenkunde darüber geschrieben, dass Holz „lebt“, und auf die Umgebung (Temperatur, Feuchtigkeit der Luft) oder auf die Behandlung reagiert („Bitte nicht in die Spülmaschine!“).
Der sogenannte Fortschritt und die sogenannten Errungenschaften der (z. B.) Industrie haben wohlweislich dafür gesorgt, dass wir nahezu jeglichen Kontakt und jedes Verständnis zur Natürlichkeit fast zur Gänze verloren haben.
Man kennt es sicherlich aus den Behauptungen, Holzgegenstände seien in der Küche unhygienisch. Stimmt also nicht. Untersuchungen haben ergeben, dass sich auf einer Kunststoffoberfläche viel mehr Keime tummeln als auf einer Holzoberfläche. Holz scheint eine Art Selbstreinigungsmechanismaus zu haben. Was aberstimmt, ist ganz sicher: Jeder Kunststoff ( Plastik, Teflon etc.) hat bei Gebrauch Abnutzung. Dieser feine Abrieb … landet im Essen. Und im Magen.
Eine weitere Behauptung… darum soll es heute gehen in dieser kleinen Warenkunde:
„Holz muß behandelt werden mit Lack, Farbe und Lasur, um es zu schützen!“
Sagen „Experten“ und legen hierfür ihre „Studien“ vor.
Die letzten Jahre konnte man, so man wollte, lernen, wer oder was „Experten“ sind und was deren Studien wert sind, oder: Wer diese Studien mit dem vorgegebenen Ergebnis bezahlt. Und was sie mit „Schutz“ meinen …
Schauen wir doch einmal zurück, ein paar hundert Jahre etwa. Man baute mit Holz. Es gab noch keine Chemische Industrie. Und es gab nur eine Sorte von Experten: Das waren gut ausgebildete Handwerker mit Sachverstand, Geschick und Lebenserfahrung. Diese hatten eine Berufsehre (ich weiß jetzt gar nicht, ob dieses Wort inzwischen aus dem offiziellen Sprach- „Schatz“ gestrichen wurde, wie so viele andere aus gewissen Gründen, hier etwa, weil solche Berufsehre nur noch schwer zu finden und also am Aussterben ist). Diese besagte, man hat so zu Schaffen und zu Bauen, dass es so lange wie möglich hält, seinem Zweck vortrefflich dient und – schön ist! Alles andere hätte ein anständiger Handwerker als Schande empfunden.
Auf diese Weise wurden Häuser gebaut, die man hier und da heute noch sehen kann: hunderte von Jahren alt. Steht man vor einem solchen, staunt man und sagt: „Oh, wie schöööööön!“.
Inzwischen ist es ja in Mode gekommen, ähnliches nachzubauen. Man nennt das manchmal „Retro“, glaube ich. Sieht also so aus wie etwas von „damals“. Das ist die neue „Landlust“ und „Back to the roots“ – voll die Natürlichkeit. Eben weil es so schön ist. Doch möchte man nicht auf den Segen des Fortschrittes verzichten.
Was tut man also? Man beauftragt beispielsweise einen heutigen Handwerker und gibt ihm einen entsprechenden Auftrag. Allein, hat er denn Berufsehre, Sachkenntnis, Erfahrung?
Wenn ich meinen Mann dazu befrage, der vor einem halben Jahrhundert eine Schreinerlehre gemacht hat (fast hätte ich jetzt „…leere“ geschrieben), lacht er nur. Fachkenntnis? Sieht schlecht aus. Ich habe manchmal den Eindruck, meine bescheidene „Kleine Warenkunde“ wäre für solche mal ein guter Anfang.
Also ein paar Beispiele aus dem echten Leben, und falls jemand fragt nach Quellen und Beweisen und Studien: die gibt es tatsächlich. Ich verweise also gleich auf diese: Mein Mann, ich selbst, ein paar andere Menschen, die mit Holz arbeiten, umgehen und leben, einige Gegenstände aus Holz und: gesunder Menschenverstand.
Die Fassade im Giebel des Hauses unseres Nachbarn. Mein Mann sollte also vor ein paar Jahren die dortige Holzverschalung frisch machen, weil sie rott und häßlich aussah nach einigen Jahren. Und sie drohte hier und da zu faulen (man möge sich an dieser Stelle erinnern an jahrhunderte alte holzverschalte Häuser, an welchen innerhalb dieser Jahrunderte keiner irgendwas gemacht hat und dort nichts fault, bis heute nicht). Also mußte geschliffen und frisch lasiert (Lack drauf!) werden. Die angefaulten Stellen, na ja, sie sind immer noch so schwärzlich, wie verfaultes Holz halt ist, aber der Rest sah wieder schön gelackt aus. Nächstes oder übernächstes Jahr muß das wohl wieder gemacht werden. Und wieder. Und wieder. Zur Freude und zur klingelnden Kasse der Baumärkte und der chemischen Industrie.
Wie kommt das bloß, wo der Lack doch das Holz schützt, dass es dennoch fault, und dass in 2 Jahren die fauligen Stellen nicht weniger, sondern trotz Lack oder Farbe mehr geworden sein werden?
Es kommt daher, dass im Unverstand nicht entsprechend gebaut wurde/wird und das passiert, was früheren Handwerkern nicht passiert ist: Baufehler, die zu Feuchtigkeitsnestern führen, wo sich Staunässe bilden kann – und: Farbe, Lack und andere Segnungen bekommen unweigerlich feinste Haarrisse. Dort dringt Wasser ein und kann nicht mehr hinaus. Das Holz kann nicht „atmen“! Es fault.
Dann wollte 2 Jahre später derselbige Nachbar seine schöne alte Gartenbank frisch haben. Schönes Nadelholz, robust gebaut. Alle 3 – 4 Jahre habe er streichen müssen. Das sei nun wieder dran. Aha.
Sie sah natürlich so aus, wie man erwartet. In Haarrissen war Wasser eingedrungen, konnte nicht hinaus, faulige Stellen also. Mein Mann konnte ihn davon überzeugen, es doch einmal anders zu probieren. So mußte die Bank komplett auseinandergebaut werden, alles gründlichst abgeschliffen werden, wieder zusammegebaut werden und fertig. So steht nun diese Bank, ohne chemische Beglückung, und sie muß dieses Jahr eben nicht wieder mal geschliffen und lackiert werden. Allerdings hat sie nun nicht die Farbe von Bayer Leverkusen: goldgelb, das aussehen soll wie frisch geschlagenes Holz, sondern: grau.
Holz bildet durch Sonneneinstrahlung eine Schutzschicht auf der Oberfläche, welche dann grau erscheint. Das ist die natürliche Wandlung des Holzes. Wer also „zurück zur Natur“ möchte, sollte das vielleicht wissen. Die Natur hat also nicht die goldgelbe Farbe von Bayer Leverkusen und auch nicht das satte Dunkelbraun bis Schwarz der guten Eisenbahnschwellen.
Und nun kommt der Gartentisch des Nachbarn dran. Ausgerechnet jetzt, wo mein Mann dringendst sein nasses Holz für die Drechselwerkstatt bearbeiten muß. Ich nenne einen solchen Tisch Lattenholztisch, obwohl es sich fachmännisch dabei um Bretter handelt. Also die Tischplatte besteht aus Latten mit Lücken dazwischen. Kennt man ja. Diesen Tisch bekam er vor etwa 4 Jahren zum Geburtstag geschenkt, frisch vom Baumarkt und schön mit dunkelbrauner Farbe lackiert. „Natürlich braun“ und rustikal halt. Was soll ich sagen: der Tisch sieht aus, als ob er nun bald verrotten will.
Ich kenne einen solche Tisch aus einem Garten. Dort steht er seit Ewigkeiten. Die Latten sind grau. Und wurden von Anfang an und seit Jahrzehnten weder geschliffen noch gestrichen noch sonst etwas.
Es gibt auch andere Beispiele. Nicht nur mein Eßtisch, sondern auch der ein oder andere in anderen Haushalten, ist aus Holz. Mindestens 35 Jahre alt oder sehr viel älter. Die Oberfläche völlig ohne chemische Beglückung. An diesen Tischen wird nicht nur gegessen. Es sind auch die Werkbänke der dortigen Frauen. Von einem dieser Tische kann ich sagen: Er ist ein Eßtisch. Und die Werkbank einer Imkerei. Und dort wird alles geschnitten und verarbeitet, was nötig ist bei einem Selbstversorgergarten, es wird dort auch eingekocht etc. Immer wieder gibt es Spuren. Kratzer, Flecken von Rote Beete, Brombeer und Holunder. Das macht nichts! Das verblasst von selbst, ähnlich wie ich es in meiner kleinen Warenkunde schon erwähnt habe bei meinen Kochlöffeln aus Holz, die leider die schöne Farbe von Holunder etc nicht beibehalten. – Mein Tisch, und auch diese anderen Werk- Tische sehen einfach klasse aus. Und sie haben fast unzählige Umzüge bestens überstanden, sogar schlechte Behandlung und alles das.
Was also ist zu tun?
Heute bleibt einem oft nichts anderes, als hier und da Kompromisse zu machen. Kann man nicht ausgehen von Sachverstand und Handwerkskunst der früheren Zeiten, muß man wohl etwas vorsehen oder nachhelfen. Mein Mann hat der obigen Gartenbank „Schuhe“ aus Kunstharz „anziehen“ müssen. Es wurde für die Füße einfach nur Kantholz abgesägt, so dass sie auf offenem Stirnholz steht. Da zieht das Wasser rein, in dem sie oft genug steht und kann nicht abtrocknen. Dann fault es von unten her natürlich.
Ansonsten gilt: Augen auf und Hirn an, wenn „Experten“ raten. Und man überlege sich, ob man es wirklich natürlich haben möchte oder reicht es, wenn es nach „Natur“ aussieht, dafür aber anscheindend „pflegeleicht“ ist. Ja … da fällt mir der Laminatboden in unserer Wohnung ein. Nicht nur, dass das Zeug giftig ausdünstet, es ist auch sonst eine Krankheit. Neu verlegt glänzt es toll, sieht aus wie Holz, ist aber „pflegeleichter“ Kunststoff, billiger als Holzdiehlen, was ermöglicht, ihn alle paar Jahre wieder rauszureißen und zu erneuern. Weil es nötig ist! Wie anders als die alten dicken Holzdiehlen, die wir in der vorherigen Wohnung hatten. Einmal verlegt, immer gut und ungiftig, kein unverrottbarer Sondermüllberg über die Jahre, nix dergleichen.
Bevor ich einen Artikel schreibe über solche Themen, frage ich natürlich meinem Mann Löcher in den Bauch (keine Sorge, ist nur eine Redewendung, sein Bauch ist nach wie vor intakt).
Zum Abschluß sagte er mir noch, als ich schon am Hinausgehen war:
„Kein einziger Baum im Wald ist lackiert. Denk mal drüber nach!“




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