Philosophie

Wer hier die üblichen Floskeln von „Nachhaltigkeit“ und all dem erwartet, wird enttäuscht sein. Anstatt leerer Worthülsen, die weder den Geist noch die Seele erreichen, gibt es für jene, die offene Herzen haben, kleine Geschichten, die sich zu einem Bild zusammenfügen können. Dieses Bild kann mehr sein als kluge Formulierungen und eine „Vita“ des Schreiners und Künstlers.

Der Seele Schaffensmacht
Sie strebet aus dem Herzensgrunde,
Im Menschenleben Götterkräfte
Zu rechtem Wirken zu entflammen,
Sich selber zu gestalten
In Menschenliebe und im Menschenwerke.

Rudolf Steiner

Das Kinderstühlchen

Vor einigen Jahren übergab mir meine nun hochbetagte Mutter ein altes, schäbiges Kinderstühlchen mit den für sie typischen geflügelten Worten: „Kennst du das noch?“. Und ob ich es vielleicht noch einmal reparieren könne, wenn nicht, solle ich es eben entsorgen. Natürlich kannte ich es noch, bin ich doch selbst einmal darin gesessen und nacheinander alle meine Geschwister (insgeamt 7 Kinder) und manche unserer aller Kinder (insgesamt 38 Kinder) und danach manche unserer Enkelkinder (insgesamt bis jetzt 18 Kinder). Es ging reihum durch alle Familien in 3 Generationen, hin und wieder erhielt es einen neuen Anstrich. Mein Vater hat im übrigen auch schon darin gesessen. Was ich bis dahin noch nicht wußte: Mein Großvater saß ebenfalls schon drin!

Entsorgung war für mich keine Option. Es ist ein gutes Stück, es sieht wunderschön aus und hat überdies einen hohen ideellen Wert. Ein neuer Stuhl ist schnell gekauft und bei weitem „billiger“, als die vielen Stunden, die ich für die Restauration benötigte. Wirtschaftlich betrachtet also Unsinn, so viel Zeit zu „verschwenden“. Doch inzwischen steht es im Mehrgenerationen – Gemeinschaftshaus, in welchem meine Mutter lebt. Die vielen Kinder, die seitdem darin sitzen, die dort nun leben und auch zu Besuch kommen, zählt niemand. Wenn jemand mit Verstand etwas darauf achtet, wird sich auch noch die 6. und 7. Generation daran erfreuen.

Wo hast du den denn her?

Diese Frage wird mir manchmal von Besuchern in unserer Wohnung gestellt. Nur wenige haben einen Blick dafür. Manchen fällt es jedoch sofort auf. Dieser Tisch! Dieser Schreibtisch! Dieses Schränkchen!

Zuerst hatte ich nur eine „Garagenwerkstatt“, später dann einen holzverarbeitenden Betrieb. Das war so nicht geplant. Während meines Kunststudiums habe ich einfach damit begonnen, für meine Familie Möbel und Spielzeug für meine Kinder herzustellen. Freunde von uns wollten dann „auch so etwas!“. Das war der Anfang, sozusagen. Aus dieser Anfangszeit stammen auch die Möbelstücke, welche heute noch in unserer Wohnung stehen, manche davon kamen über Umwege wieder zu mir zurück, nachdem sie zum Teil sogar verschollen waren. Fast 40 Jahre haben diese Möbel nun „auf dem Buckel“ und sie sind mir eine Freude jeden Tag. Sie werden nicht altmodisch, sie gehen nicht kaputt, sie haben so manches überstanden, auch Wasserschäden und allerhand andere Mißhandlungen und unzählige Umzüge. Sie sind nützlich, belastbar und schön.

Mein Gott, wie lange machst du denn noch daran herum?

Umzug in eine neue Wohnung stand an, so vieles mußte renoviert werden. Zentimeterdicke Tapetenschichten mußten von den Wänden. Mehrere Lagen Fußbodenbeläge mußten raus, damit der schöne alte Dielenboden zum Vorschein kommen und honiggelb im Sonnenlicht glänzen konnte. Auch eine Küche mußte gebaut und eingepasst werden. Und die Wand in der Küche sollte teilweise gefliest werden. Schön soll es sein, sagte meine Frau. Nach mehreren Monaten war endlich alles geschafft, nur die Küche war noch nicht fertig. Ich war noch an den Fliesen dran: ein Mosaik aus teils neuen und teils alten Fliesen, die ich im Keller fand. An jeder einzelnen Scherbe mußten natürlich die Kanten geschliffen werden. Jedes Teil bekam seinen Platz. Das Mosaik bestimmte also selbst mit, wie es einmal sein wollte. „Wie lange noch?“ fragte meine Frau jeden Tag, die ungeduldig auf den Einzug wartete. 12 Jahre haben wir dann dort gewohnt. Während dieser Jahre stand meine Frau so oft vor dem Mosaik und war glücklich darüber. Auch Besucher erkannten, dass dies etwas ganz anderes ist als die Fertigmosaik- Fliesen, die man im Baumarkt als Massenware kaufen kann.

Kummer gehört auch zum Leben

Ein Laborschränkchen sollte es sein, für die Heilpraxis meiner Frau. „An diese lange Wand hin muß er, und er darf nicht zu tief sein, ich muß mich hier noch bewegen können. Es muß einiges in die Schubladen reinpassen. Die Oberfläche muß was aushalten, Desinfektionsmittel, Öle und all solches Zeug. Und schön soll er sein.“ Klare Ansage. Er wurde schön, und er hielt was aus, Dank der Deckplatte aus Fliesenmosaik und der Intarsienarbeit an seiner Front. Als die Praxis geschlossen werden mußte, kam er in den Keller. „Er wird noch gebraucht werden“ sagte meine Frau.

Dann wurde er gebraucht, von einem Menschen, der uns beiden sehr am Herzen liegt. „Ich brauche einen Schrank in meiner Küche. An diese lange Wand hin muß er. Er darf nicht zu tief sein. Ich brauche die Arbeitsfläche und viele Fächer, wo ich alles unterbringen kann.“ Das kam uns bekannt vor, also kam das Laborschränkchen in diese Küche.

Der Wert dieses Schmuckstückes wurde leider nicht erkannt und die Herzensverbindung war wohl eher einseitiger Natur. Mensch und Laborschränkchen sind uns nun verloren gegangen.

Persönliche Note

Nicht alles, was an Möbelstücken gebraucht wird, kann ganz neu gebaut werden. Manchmal soll es schnell gehen und bereits vorhandenes Material kann verwendet werden. So entstand das ein oder andere Stück aus bereits vorhandenen Holzplatten oder Tischbeinen ausrangierter Einrichtungsgegenständen. Jedoch ist es meistens möglich, durch Formgebung oder farblicher Gestaltung dem guten Möbel eine persönliche Note zu geben. Das macht es zu einem Unikat und zu einer Augenweide. Zweckmäßigkeit darf jederzeit mit Schönheit kombiniert werden.

Sperrmüll

Wir können es gut beobachten seit vielen Jahren, wenn nicht Jahrzehnten. Aktuell nun wieder einmal. Eine junge Familie verläßt die Mietwohnung und zieht ins frisch gebaute Eigenheim. Wochenlang wird die „alte“ Wohnung geräumt, Berge türmen sich vor dem Haus, mehrmals kommt die Sperrmüllabfuhr. Nahezu die komplette Wohnungseinrichtung landet draussen auf den Müllbergen und man sieht unter vielem anderen auch das Mobiliar. Vor wenigen Jahren beim Einzug in die gemeinsame Wohnung gekauft, hat es nun ausgedient. Es ist nicht mehr schick, es entspricht nicht der aktuellen Mode, wie „Schöner Wohnen“ gerade auszusehen hat. Nebenbei bemerkt sind diese modernen Möbel kaum für einen Umzug geeignet, sie gehen durch diese Strapaze einfach kaputt. Wenige Jahre im Gebrauch zeigen sie schon deutliche Spuren: häßlich gewordene Oberflächen, die nicht repariert werden können, lose Scharniere in bröselnden Press-Spanplatten, aufgequollene Stellen, weil einmal Wasser dran kam, Schubladen, die schief hängen und klemmen, Plastikmöbel, die brüchig geworden sind (hat es nicht damals geheißen, Plastik sei unverwüstbar?).

Dieses Phänomen kann man beinahe immer beobachten, wenn irgendwo irgendjemand auszieht. Abgesehen davon, dass dieser Neumöbelkauf nach wenigen Jahren jedesmal ins Geld geht (doch der Auftrag an einen guten Schreiner erscheint den meisten Menschen als viel zu teuer!), entstehen so ganz selbstverständlich immense Berge an Müll, schlimmer noch: es ist Sondermüll!

Nahezu alle Möbel in unserer Wohnung sind alt, manches sind Antikmöbelstücke, viele habe ich selbst gebaut vor langer Zeit. Wir sind damit weit mehr als 10 mal umgezogen.